Eine ältere Dame begrüßt mich herzlich und deutlich neugierig in ihrem Bewohnerzimmer im Lore-Lipschitz-Haus, eine stationäre Einrichtung für pflegebedürftige Menschen. Dabei hat sie einen strahlenden Glanz in ihren Augen und eine Lebendigkeit, die mich kaum glauben lässt, dass sie schon 87 Jahre ihres Lebens gelebt hat. Als ich meine Augen an einigen fremdländischen Bildern vorbeischweifen lasse, folgt sie mir aufmerksam. Fragend bleibt mein Blick an einer kleinen Dose mit thailändischer Schrift hängen, in der sich ein kräftigrotes Pulver befindet. Frieda Schomber bemerkt es gleich und erklärt lächelnd „Ich liebe scharfes Essen, seit ich zum ersten Mal in Thailand war“.
Sie schaut wehmütig zu einem ihrer Bilder am Nachttisch, auf dem ihr Sohn und dessen thailändische Ehefrau vor einer bunten Orchideenpracht aus der Ferne in Frau Schombers Zimmer lächeln. Olaf, ihr einziger Sohn war 1996 nach Thailand ausgewandert. Dort etablierte er sich erfolgreich mit einem Tourismusunternehmen. Für Frau Schomber war es nicht einfach, ihren einzigen Sohn so weit in die Ferne ziehen zu lassen. Doch trotz ihres damals schon hohen Alters reiste sie ein bis zwei Mal im Jahr nach Thailand. „Olaf wollte mich dann ganz zu sich holen, aber mein gesundheitlicher Zustand ließ es nicht zu, mir diesen späten Traum zu erfüllen.“ Sogar ihren 80’sten Geburtstag verbrachte sie bei ihrem Sohn, den ihre Schwiegertochter liebevoll mit einer großen Feier ausgerichtet hatte. Während ich die Fotos dazu betrachte, auf denen wunderschöne thailändische Tempeltänzerinnen eigens für Frau Schomber tanzten, reisen wir beide wehmütig und gedankenversunken zurück in ihre zweite Heimat. Sie erinnert sich:„Jedes Mal wenn ich dann nach Deutschland zurückgekehrt bin, nahm ich einige von den wunderbaren Orchideen mit. Zurückgekehrt legte ich jedem Nachbarn eine Orchidee vor die Tür. So wussten sie immer über meiner Rückkehr Bescheid.“
2004 musste Frau Schomber sich einer schweren Herzoperation unterziehen. Sieben Wochen stand Olaf ihr am Krankenbett in der Akutphase zur Seite, danach musste sie ihren gewohnten Weg verlassen. Ein letztes Mal konnte sie sich am Meer unter der thailändischen Sonne von den Strapazen der Operation erholen, doch eine Rückkehr in die häusliche Umgebung war gesundheitlich nicht mehr möglich. Nach dieser letzten Reise bezog Frau Schomber ein Zimmer im Lore-Lipschitz-Haus. Zu dieser Zeit ging es ihr nicht nur gesundheitlich schlecht. Die Sehnsucht nach ihrem Sohn nahm zusätzlich ihre Freude am Leben. Der furchtbare Tsunami in Thailand war dann schließlich ein Schock. Olaf konnte nicht mehr nach Deutschland reisen. Sein Tourismusunternehmen lag brach und er brauchte alle Kraft, um vor Ort den Betroffenen und Angehörigen dieser Naturkatastrophe zur Seite zu stehen.
Von der herzlichen Fürsorge und Pflege im Lore-Lipschitz-Haus erlebte Frau Schomber anfänglich nur wenig. Man hatte mir schon erzählt, dass es ihr bei ihrem Einzug gesundheitlich sehr schlecht ging. Doch ich erlebte sie jetzt in einem sehr guten beinahe jugendlichen Befinden. „Herrn Doktor Hoffmann habe ich schon vorgeschlagen, mich mal als Leibarzt nach Thailand zu begleiten“. Bei diesem Gedanken und der bildlichen Vorstellung dazu, müssen wir beide laut auflachen.
Ihren Sohn hat sie nun seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Herr Loniz, der Heimleiter und die Mitarbeiter des Hauses überlegten, wie sie Frau Schomber in ihrer Sehnsucht helfen könnten. Dann hatte der Pflegedienstleiter Herr Puttins die grandiose Idee, auch im Pflegeheim die moderne Technologie des Internets zu nutzen.
So kam es, dass vor kurzem an ihrem 87’sten Geburtstag neben ihren geladenen Gästen zwischen Kaffee und Kuchen ein Computerbildschirm mit einer Webcam auf der Geburtstagstafel stand. Olaf, ihre Schwiegertochter und Freunde aus Thailand waren per Mausklick aus der Ferne zu Besuch im Lore-Lipschitz-Haus und sangen alle zusammen Happy Birthday. Frau Schomber ließ ihren Blick nicht mehr vom Bildschirm und fügte laut lachend hinzu: „Olaf, du bist aber dick geworden“. Nach ihrem Geburtstag bot Herr Puttins ihr an, sich auf diese Weise jetzt öfter mit ihrem Sohn treffen zu können.
Zum Abschied erlebe ich eine strahlende und glückliche 87-jährige Frau. „Bald kommt Olaf endlich mal wieder zu Besuch und wird thailändische Rezepte mitbringen. Dann kochen die Schwestern mit mir in der Stationsküche die Rezepte nach und holen ein Stück Thailand ins Lore-Lipschitz-Haus. Herr Puttins, Herr Loniz und der Doktor Hoffmann sind natürlich dann auch herzlich eingeladen.“ |