Pflege - das Berliner Projekt

  

 

Die verzahnte ärztliche und pflegerische Betreuung von schwerstkranken Pflegeheim-Bewohnern im Rahmen des Berliner Modellprojektes ist derzeit in aller Munde. Die KV Berlin ist an diesem Projekt seit dessen Beginn aktiv beteiligt. Wie kam das Modell zustande? Was sind seine wesentlichen Merkmale und was bewirkt es? Die nachfolgenden Stichworte geben einen Überblick: 

Hintergrund: 

Mit Einführung der zweiten Stufe der Pflegeversicherung zum 1.7.1996 drohte eine Lücke zwischen pflegerischer und stationärer medizinischer Betreuung zu entstehen, die geschlossen werden musste: Die bundesweit einmaligen Chroniker-Krankenhäuser, die es bereits seit den 70er Jahren in Berlin gab, wurden seinerzeit in stationäre Pflegeeinrichtungen umgewandelt; allerdings mit einer Übergangsfrist für die angestellten Ärzte und Therapeuten bis Ende 1997. Danach sollten die Organisation und Finanzierung der erbrachten ärztlichen und therapeutischen Leistungen auf den ambulanten Sektor übergehen. 

Mit dieser Neustrukturierung befürchteten KV und AOK Berlin den Wegfall eines wichtigen Versorgungsangebots für Pflegebedürftige, die zwar eine ständige medizinische Betreuung benötigten, nicht jedoch einen Krankenhausaufenthalt. Es lag die Vermutung nahe, dass durch den Wegfall des speziellen Berliner Versorgungsangebots die Zahl der Krankenhauseinweisungen steigen und außerdem die Arbeitsplätze der angestellten Ärzte und Therapeuten in Gefahr geraten würden. 

Vor diesem Hintergrund entstand das „Berliner Projekt“, das am 01.04.1998 an den Start ging. An der Entwicklung beteiligt waren die Berliner AOK, die IKK Brandenburg und Berlin, die Kassenärztliche Vereinigung Berlin, die Krankenhausgesellschaft und der Verband der Privatkrankenanstalten Berlin-Brandenburg – unterstützt durch die damalige Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz. Gemeinsames Ziel war die Organisierung einer qualitätsgesicherten Versorgung für chronisch kranke, multimorbide und psychisch kranke Menschen in stationären Pflegeeinrichtungen. 

Ziele: 

  • Versorgungsqualität durch effiziente Verzahnung ambulanter medizinischer und therapeutischer Betreuung sowie stationärer Pflege. 
  • Wirtschaftlichkeit durch Vermeidung von Krankenhauseinweisungen, Fahrtkosten und Ausgaben für Arznei-, Heil- und Hilfsmittel. 
  • Transparenz und Steuerung durch Qualitätsmanagement und Kostencontrolling. 

Beteiligte: 

Kassenärztliche Vereinigung Berlin, AOK Berlin, IKK Brandenburg und Berlin, BKK Bahn, BKK Siemens, Berliner Krankenhausgesellschaft, Verband der Privatkrankenanstalten Berlin-Brandenburg. 

Einrichtungen: 

Insgesamt 37 von 286 Berliner Pflegeheimen sind in das Berliner Projekt eingebunden, davon 25 Pflegeeinrichtungen mit angestellten Ärzten und Therapeuten und 12 Pflegeeinrichtungen mit niedergelassenen Ärzten und Therapeuten. Betreut werden rund 3.500 Bewohner/innen. 

Kooperation mit niedergelassenen Ärzten: 

Niedergelassene Ärzte betreuen in den Modelleinrichtungen zwischen 30 und 40 Patienten, garantieren eine Rufbereitschaft außerhalb der sprechstundenfreien Zeiten, führen Fallbesprechungen in multiprofessionellen Teams (Ärzte, Pflege, Therapeuten) durch und beteiligen sich an der Dokumentation im Rahmen der Qualitätssicherung und des Kostencontrollings. 

Bewohner profitieren: Die verzahnte Rund-um-die-Uhr-Versorgung ist für die schwerstkranken Bewohner von Modelleinrichtungen von Vorteil: Krankenhausaufenthalte werden auf ein absolutes Minimum reduziert. Damit wird ein häufiger Wechsel der gewohnten Umgebung vermieden. 

Auch haben die Bewohner mit den vertraglich kooperierenden niedergelassenen bzw. angestellten Ärzten feste ärztliche Bezugspersonen und müssen sich nicht, wie in vielen anderen Heimen, auf ständig wechselnde Ärzte einstellen. Umgekehrt haben die betreuenden Ärzte und Pfleger jeweils den Überblick über die diagnostische bzw. therapeutische Situation der Patienten. 

Geringere Kosten: 

Bei wichtigen Indikatoren wie der Vermeidung von Krankenhauseinweisungen, Fahrt-, Arznei-, Heil- und Hilfsmittelkosten sind die Gesamtausgaben bei den am Berliner Modellprojekt teilnehmenden Einrichtungen niedriger als in anderen Pflegeeinrichtungen. Die Controllingberichte der letzten Jahre ergaben, dass die Arzneimittelausgaben der Modelleinrichtungen mit niedergelassenen Ärzten sogar unter denen der Einrichtungen mit angestellten Ärzten liegen. 

Trotz der in diesem Modell enthaltenen Extraaufwendungen für die zusätzliche Vergütung niedergelassener und angestellter Ärzte sparen die Kostenträger unterm Strich Geld. So standen bereits in den ersten Modelljahren den zusätzlichen Aufwendungen deutlich höhere Einsparungen gegenüber. 

Qualität: 

Zur Bewohnerbeurteilung, Pflegeplanung, Qualitätssicherung und Kostensteuerung wird ein in den USA entwickeltes Verfahren angewendet. Bewohner werden nach ihrer Pflege- und Hilfsbedürftigkeit mit dem Resident Assessment Instrument (RAI) beurteilt und in eine von 7 Pflegeaufwandgruppen (Resident User Group, RUG) eingeteilt. Es werden einrichtungsbezogene und einrichtungsübergreifende Qualitätsreports erstellt, Qualitätsziele und -indikatoren formuliert, Qualitätszirkel durchgeführt sowie eine differenzierte Betrachtung der Morbiditätslage und Versorgungsintensität ermöglicht.

Quellen: Wilhelmi, Andrea (KV Berlin); Zeitschrift „Gesundheit und Gesellschaft (G+G)“, Bonn, Nr. 3/2004; eigene Recherchen.

(Quelle: KV Blatt 10/2007)